Ein Plan für alle, die keinen Plan haben

Teil 1: Wie uns Krokodile bei der Berufswahl helfen können

„Was willst du einmal werden, wenn du groß bist?“

Diese Frage ist so alt, wie die frühesten Erinnerungen unserer Kindheit.

Es war so einfach – Feuerwehrmann, Lehrerin, Ärztin, Pilot – wie aus der Pistole geschossen kamen die Antworten. Tausende Male haben wir uns verkleidet und vorgestellt wie wir Heldentaten vollbringen.

Und dann kam die Schule. Ich kann mich noch gut daran erinnern wie sehr ich mich auf den ersten Schultag gefreut habe, wie aufgeregt ich war endlich zu lernen, wie man “echte” Sachen macht. Aber irgendwie kam es anders, als ich mir das vorgestellt habe. Es war alles viel ernster, viel weniger aufregend als in meinem Kopf. Wir haben gelernt, dass wir still sitzen und zuhören müssen. Wir haben gelernt, dass Mathe wichtig ist und Rechtschreibung. Dass wir alles sein können, was wir wollen, aber dass man mit Dingen die Spaß machen kein Geld verdient. Und Geld ist wichtig. Ansehen ist wichtig und Erfolg ist wichtig.
Irgendwann schlich sich ein neues Gefühl ein - das Gefühl, dass etwas schiefgehen könnte. Die Angst, dass es negative Konsequenzen hat, wenn man etwas falsch macht.

Menschen sind interessante Kreaturen. Wir wollen einerseits dazugehören, aber gleichzeitig besonders sein - uns von der Masse abheben. Wir wollen frei sein und das Leben genießen und trotzdem etwas Bleibendes schaffen, die Welt besser machen. Theoretisch leben wir in einer Welt, in der wir alle Möglichkeiten haben, eine Welt, in der wir alles tun und sein können. Aber warum ist das in der Praxis so schwer? Warum scheint es so, als würde es immer schwieriger und nicht leichter werden, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden?

The Paradox of Choice

In seinem Bestseller “The Paradox of Choice”, beschreibt der Wirtschaftspsychologe Barry Schwartz ein interessantes Phänomen: Wenn die Fülle an Auswahlmöglichkeiten ein gewisses Maß übersteigt, neigen Menschen scheinbar dazu, sich gar nicht zu entscheiden, sondern sich überfordert fühlen. Die meisten von uns kennen das wahrscheinlich von Besuchen in Restaurants, die es mit der Auswahl auf der Speisekarte besonders gut gemeint haben. 

Blöderweise wird dieser Effekt umso ausgeprägter, je größer das gefühlte Gewicht einer Entscheidung ist. Unter diesem Aspekt fällt es nicht schwer nachzuvollziehen, dass speziell die Berufswahl Vielen schlaflose Nächte bereitet.

Doch warum haben wir überhaupt Probleme, Entscheidungen zu treffen? Ist es die Angst, nicht die „richtige“ Entscheidung zu treffen? Und was ist die „richtige“ Entscheidung? Woher wissen wir welche Option die beste ist? Können wir das überhaupt wissen? Hat jemand die richtige Wahl getroffen, wenn er viel Geld verdient, angesehen ist, aber seinen Job hasst? 

Menschen haben ein großes Problem: sie können die Zukunft nicht vorhersehen, wissen aber gleichzeitig, dass jederzeit etwas passieren kann, dass sie in Gefahr bringt. Die Evolution war der Meinung, dass es besser ist, einmal vor einem Stein Angst zu haben, weil man ihn für einen Löwen hält, als auf einen Stein zuzulaufen, der sich dann als Löwe entpuppt. Obwohl wir schon lange nicht mehr in der Wildnis leben, ist unsere Hardware immer noch die gleiche - Menschen suchen immer noch nach Sicherheit und nach Dingen, auf die sie sich verlassen können, weil wir gelernt haben, dass Fehler tödlich sein können. Wir versuchen daher, unser Umfeld möglichst statisch und vorhersehbar zu halten. Deshalb wohnen wir in Häusern, sparen Geld und freuen uns über sichere Jobs mit fixem Gehalt am Ende jedes Monats. Blöderweise leben wir aber in einer Welt, von der man sagt, dass die einzige Konstante die Veränderung ist. Ist es also wirklich eine gute Strategie, auf Sicherheit und Vorhersehbarkeit zu bauen?
Ich war vor einigen Jahren in Australien. Auf einer Bootstour am Daintree River auf Cape Tribulation, beobachteten wir eine Gruppe Krokodile, die am Ufer lagen und sich sonnten. Unser Guide erzählte uns, dass diese faszinierenden Reptilien zu den ältesten Lebewesen der Welt zählen und somit eine der “erfolgreichsten Kreaturen der Evolution sind”. Anschließend fragte er uns, ob wir uns denken können, was das Erfolgsrezept des Krokodils ist. Nach einer kurzen Pause erklärte er uns dann, dass es kaum eine Spezies gibt, die derart anpassungsfähig ist und mit einer derart großen Bandbreite an Umgebungen und Umständen zurechtkommt, wie das Krokodil.

Ich habe mir damals die Frage gestellt, was man vom Erfolgsmodell Krokodil lernen kann. Ist es vielleicht die viel bessere Strategie, sich nicht darauf zu verlassen, dass die Umstände so bleiben wie sie sind, sondern möglichst flexibel und anpassungsfähig zu sein? Und wie geht das?

Krokodile sind nicht nur effektiv, sondern auch wahnsinnig effizient. Sie sind großartige Beobachter und verbringen die meiste Zeit damit, ihre Umgebung zu analysieren und jede Bewegung zu registrieren. Sie wirken dabei relativ träge, aber wenn sich eine Gelegenheit bietet, dann schlagen sie, ohne eine Millisekunde zu zögern mit unfassbarer Entschlossenheit und Gewalt zu.

Wir können also einige Eigenschaften ableiten, die das Krokodil so erfolgreich machen:

  • Effizienz: kein Verschwenden von Energie für Nebensächliches
  • Fokus: volle Konzentration auf das Wesentliche
  • Bereitschaft: Vorbereitet sein wenn sich eine Gelegenheit bietet
  • Entschlossenheit

Im nächsten Teil werden wir erörtern, wie auch du dein inneres Krokodil erwecken kannst und wie dir das dabei hilft, bessere Entscheidungen zu treffen. Stay tuned!

5 Artikel die du lesen solltest BEVOR du ins Berufsleben startest:

  1. Ratschläge an mein jüngeres ICH
  2. Ein Plan für alle die keinen Plan haben - Teil I
  3. Ein Plan für alle die keinen Plan haben - Teil II
  4. Ein Plan für alle die keinen Plan haben - Teil III
  5. Das "naos Framework vom Konsumenten zum Produzenten"